Als Reiter stehen wir unseren Pferden gegenüber in der Pflicht, nämlich der, sie artgerecht auszubilden und zu gymnastizieren, sie richtig zu reiten. Doch was bedeutet es genau, richtig zu reiten und warum spielt ausgerechnet das Dressurreiten eine so wichtige Rolle dabei?

Richtig reiten
– Warum Dressur so wichtig ist und was Reiten eigentlich bedeutet

Die Erkenntnis: Reiten ist nicht gleich reiten

Auch ich muss es zugeben: Ich hatte zu Beginn keine Ahnung, was es wirklich bedeutet zu reiten. Für mich war es einfach nur toll, auf einem Pferd sitzen zu können, im Galopp das Gefühl zu haben zu schweben und als ich dann etwas erfahrener war, stundenlang durch Wälder und über Wiesen zu reiten.

Es war dieses Gefühl von Freiheit, das Vertrauen, dieser ganz besondere Bund zwischen Pferd und Reiter, den ich so sehr liebte und nie wieder missen wollte.

Nicht nur das: Ich wollte besser werden, noch feiner reiten können, noch mehr lernen. Denn ich dachte, darum geht es beim Reiten: Übungen noch präziser zu reiten und mit der Zeit immer schwierigere Lektionen ausführen zu können, bis man bei Piaffe, Passage, Pirouette und Co. angekommen ist.

Erst nach knapp zwei Jahren im Sattel begriff ich, worum es beim Reiten eigentlich geht, oder besser gehen sollte: um das Pferd, und nicht nur um den eigenen Spaß und Erfolg.

Endlich fing ich an, wirklich zu lernen, zu bergreifen. Zu verstehen, warum ich welche Lektion wie reiten sollte und warum sich das Pferd genau so und nicht anders bewegen sollte. Ich begriff, dass jede Übung einem größerem, viel wichtigeren Zweck diente und zwar nicht dem, dass ich als Reiter glänze und immer besser werde, sondern dem, dass mein Pferd sich sowohl physisch als auch psychisch weiterentwickelt.

Um es anders auszudrücken: All die Lektionen, die ich ritt, waren nicht dafür gedacht, um mein Reiten zu testen und es stets zu verbessern – nein. Vielmehr ging es darum, das Pferd zu trainieren, es zu gymnastizieren und sich bestenfalls gemeinsam weiter zu entwickeln.

Ich hatte das Glück, zwei wunderbare Trainerinnen an meiner Seite zu haben, die mich genau zu dieser Erkenntnis brachten, dem größten Aha-Moment meiner Reitkarriere überhaupt. Denn er änderte alles.

Von nun an ritt ich mit einer ganz anderen Motivation. Es ging für mich nicht mehr primär darum die Beste zu sein, Übungen am korrektesten zu reiten und keine Fehler zu machen.

Mir ging es fortan nur noch um das Pferd. Um seinen Erfolg, und nicht unbedingt um meinen eigenen. Das führte dazu, dass ich mich noch mehr auf das Pferd, das ich gerade ritt, konzentrierte. Ich strengte mich noch mehr an, dem Pferd zu zeigen und beizubringen, wie es beispielsweise Seitengänge richtig geht oder Übergänge noch besser durchführt.

Auf einmal war der Fokus nicht mehr auf mich gerichtet. Alles, was ich tat, ob im Sattel, an der Longe, beim Putzen oder bei der Bodenarbeit, galt jeweils dem Pferd, mit dem ich gerade Zeit verbrachte.

Und witzigerweise ließ mich dies auch irgendwie automatisch zu einem besseren Reiter und allgemein auch zu einem besseren Pferdeversteher werden. Zum einen, weil ein großer Druck von mir abfiel, immer das Beste geben zu müssen, und paradoxerweise zum anderen, weil ich genau jetzt mein Bestes gab.

Falsches Reiten macht Pferde krank

Ich wusste, wenn ich nicht korrekt reite, leiden nicht ich oder gar mein Ego darunter, sondern das Pferd, ein anderes Lebewesen, für das ich als Mensch die Verantwortung übernehme.

Denn Pferde können das Reitergewicht nicht tragen und sind schlichtweg nicht dafür gemacht, uns Menschen auf ihrem Rücken sitzen zu lassen. Wenn wir als Reiter und Pferdeausbilder es also nicht schaffen, unser Pferd artgerecht abzubilden und korrekt zu reiten, leidet das Pferd entweder schon beim Reiten unter Schmerzen oder spätestens nach ein paar Jahren an den Folgeschäden, die falsches Reiten mit sich bringen.

Das können sowohl konkrete Schmerzen wie Rückenschmerzen sein, aber auch psychische Störungen oder Ängste, unter denen das Pferd leidet. Anders als viele andere Tierarten oder auch wir Menschen, äußern Pferde Schmerzen nicht mithilfe von Lauten, sondern leiden im Stillen. Denn als Fluchttier dürfen sie dem Raubtier nicht zeigen, dass sie angreifbar und somit leichte Beute sind.

Es liegt also an uns, das Pferd so zu reiten, dass es nicht nur keine Schmerzen, sondern im besten Fall sogar richtig Spaß beim gemeinsamen Training hat.

Richtiges Reiten muss das Pferd im Fokus haben

Aber warum erzähle ich dir diese Geschichte nun überhaupt?

Weil ich das Gefühl habe, dass viele Reiter diese Erkenntnis entweder noch nicht hatten, sie vielleicht schon wieder vergessen haben, traurigerweise nie haben werden oder, im schlimmsten Fall, gekonnt ignorieren.

Es sollte keine ein, zwei oder gar noch mehr Jahre dauern, oder gar mit dem Glück zusammenhängen, einen guten Trainer zu finden, diese Erkenntnis zu erlangen. Es sollte gar nicht erst eine Erkenntnis sein müssen.

Als Reitanfänger, oder besser als Kind, sollte man dies gleich lernen. Das wirklich allererste, was man als Reiter beigebracht bekommen sollte, ist, dass Pferde uns Reiter nicht wirklich tragen können und dass wir sie nur reiten dürfen, wenn wir es richtig machen.

Doch was ist nun richtiges Reiten?

Reiten ist erst dann richtiges Reiten, wenn es aus der Motivation erfolgt, das Pferd artgerecht auszubilden und jederzeit sein Wohlbefinden im Fokus zu haben. Genau das macht einen guten Reiter aus.

Wer nur reitet, weil es ihm Spaß macht oder weil er die meisten Punkte auf einem Turnier holen möchte, der ist in meinen Augen kein guter Reiter – egal, wie gut er die Lektionen letztendlich ausführt oder wie lieb er mit dem Pferd an sich umgeht.

Damit will ich nicht sagen, dass Ehrgeiz im Reitsport per se schlecht ist oder dass man kein Spaß beim Reiten haben sollte. Im Gegenteil: Spaß und Ehrgeiz sind gut und wichtig, aber nur solange sie eben mit genau dieser Einstellung, das Pferd im Fokus zu haben, gekoppelt sind.

Wie kann ich mein Pferd artgerecht ausbilden?

Genau hier liegt das Problem, wie bei so vielem auf dieser Welt: Es fehlt Zeit und Geld. Ein Pferd artgerecht auszubilden dauert nicht nur lange, sondern ist auch sehr kostspielig. Pferde werden immer früher ausgebildet, ohne weder physisch noch psychisch darauf vorbereitet zu sein. Es wird an der richtigen Ausrüstung gespart und auch die Haltungsbedingungen sind in den meisten Fällen eher suboptimal.

Meiner Meinung nach gibt es drei große Eckfeiler, an die du dich bei der Ausbildung deines Pferdes halten solltest und die dich gleichzeitig zu einem guten Reiter machen.

Ich nenne sie mal die drei „Gs“: Gerechtigkeit, Geduld, Gymnastizierung.

1. Gerechtigkeit

Gerechtigkeit hat sehr viel mit Ehrlichkeit zu tun. Meiner Meinung nach muss sie auch an erster Stelle stehen, denn ohne sie fällt das gesamte Gerüst zusammen.

Reicht das Geld?

Zuallererst musst du dich selbst etwas fragen und diese Frage ehrlich beantworten: Habe ich genug Geld?

Genug Geld, um mir den Reitsport und vielleicht später sogar mal ein eigenes Pferd leisten zu können? – hier sind übrigens auch die Eltern pferdebegeisterter Kinder gefragt.

Reiten ist ein teures Hobby, ein teurer Sport. Es gibt zwar auch hier Wege, Geld zu sparen – indem man zum Beispiel auf Second Hand Reitsportzubehör zurückgreift, sich statt ein eigenes Pferd zu kaufen, sich eine Reitbeteiligung sucht oder Selbstversorger wird –  und Geld sollte meiner Meinung nach nie ein Hindernis sein, seine Träume zu verwirklichen, aber hier geht es nunmal um ein anderes Lebewesen, für das man die Verantwortung hat.

Ein Pferd ist heutzutage schnell gekauft und der Markt nahezu übersättigt. Es gibt so viele Pferde und jedes Jahr kommen Tausende von professionellen und Hobbyzüchtern dazu. Pferde, die eigentlich für den großen Sport gezüchtet, dann aber aussortiert werden. Pferde, die „Problempferde“, schwer reit- und handhabbar sind. Heute kann man ein Pferd schon für wenige Hundert Euro kaufen – das ist fast schon ein Witz!

Ein Pferd anzuschaffen ist also nicht – abgesehen von vielversprechenden und wirklich gut ausgebildeten Pferden – wirklich kostspielig. Was teuer ist, ist die Haltung des Pferdes über die Jahre hinweg, die Ausbildung, der Hufschmied, Tierarztbesuche und die Ausrüstung.

Genau hier sparen viele. Viele Pferdebesitzer, aber auch Reitschulen. Weder Sattel noch Gebiss passen, die Hufe haben eine Fehlstellung, der Zahnarzt kommt so gut wie nie zur Kontrolle und Koppelgang ist eine Seltenheit bis gar nicht drin, da der nötige Platz fehlt.

Passt mein Pferd zu mir?

Zuallererst sollte man sein Pferd immer seinen Fähigkeiten entsprechend trainieren, denn hier kann es schnell zur Überforderung und Ungerechtigkeit kommen. Es gibt Pferde, die zum Beispiel nicht fürs Springen geeignet sind oder denen der Turniersport schlichtweg zu stressig ist.

Hier sollte man akzeptieren, dass es nicht passt und sich gegebenenfalls sogar von seinem Pferd oder seiner Reitbeteiligung trennen, denn Frust hilft niemandem. Ich kenne Reiter, die jahrelang mit ihrem Pferd trainieren und es wird und wird nicht besser. Weder das Pferd entwickelt sich weiter noch der Reiter.

Auch wenn es oftmals schwer fällt, ist es in diesem Fall für beide besser, es ganz sein zu lassen und das Pferd an jemanden abzugeben, bei dem die Ziele und Vorstellungen besser zu den Fähigkeiten des Tieres passen.

Bin ich fair?

Gerechtigkeit kann aber nicht nur in Bezug auf die Haltung an sich angewendet werden, sondern auch ganz explizit auf den Umgang mit dem Pferd und eben die Ausbildung. Schließlich wollen wir eine artGERECHTE Ausbildung erreichen.

Was ich oft beobachte, ist, dass viele Reiter bei einem (vermeintlichen) Fehler seitens des Pferdes dieses sofort bestrafen. Konsequenz ist zwar richtig und gut, aber um gerecht zu sein, solltest du dich fragen, ob der Fehler nicht vielleicht bei dir selbst liegt.

Hast du die Hilfen korrekt gegeben? Kann dein Pferd diese Lektion überhaupt schon ausführen?

Oftmals überfordern wir unsere Pferde und vergessen, dass auch sie sich in einem ständigen Lernprozess befinden und uns manchmal nicht verstehen oder schlichtweg nicht wissen, was wir gerade von ihnen wollen. Ja, es gibt Pferde, die faul sind, und auch solche, die ziemlich clever sind und uns austricksen.

Pferde sind aber selten böswillig oder machen etwas aus Absicht beziehungsweise machen es aus Absicht nicht. Genau wie wir müssen auch sie lernen, mit uns zu kommunizieren, schließlich sprechen wir eine ganz andere Sprache als unsere Pferde.

Es geht aber nicht nur darum, sich selbst und das eigene Handeln immer zuerst zu hinterfragen bevor man das Pferd als Schuldigen sieht und womöglich bestraft, sondern es geht auch sehr viel darum, gutes Verhalten und die richtige Antwort auf eine Hilfe zu belohnen.

Lobe ich ausreichend oder besser, lobe ich viel?

Etwas, was ich ebenfalls viel beobachte, oder in diesem Fall eben nicht beobachte, ist Lob. Wir Reiter loben unser Pferd viel zu selten, dabei kann ein einfaches „Guuuut so“ eine Menge bewirken.

Zum einen weiß das Pferd aufgrund eines Lobes, dass es etwas richtig macht und hat die Chance zu verstehen, was wir von ihm wollen. Zum anderen ist ein Lob unheimlich motivierend.

Natürlich reagiert auch hier jedes Pferd anders, aber ein bisschen mehr Lob schadet nie. Wir Menschen mögen es schließlich auch, wenn man uns sagt, dass wir etwas gut gemacht haben.

Lesetipp: Noch mehr Hintergrundwissen und ganz viele Tipps zum richtigen Loben bekommst du hier!

2. Geduld

Das zweite G steht für Geduld und hier kommt der Zeitfaktor ins Spiel. Wie bereits erwähnt, werden viele Pferde heutzutage viel zu früh ausgebildet und müssen in kürzester Zeit möglichst viel erreichen.

Die Ausbildung eines Pferdes dauert jedoch Jahre. Schließlich wollen Muskeln trainiert und langsam aufgebaut werden, Bewegungsabläufe müssen gelernt und abgespeichert werden und das Pferd muss Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten entwickeln.

Zudem kaufen sich auch immer mehr Reiter ein Jungpferd ohne wirklich selbst gut genug reiten zu können und die nötige Zeit zu haben, es auszubilden – und das nicht nur unterm Sattel, sondern vor allem auch am Boden.

Nur wer sich bei der Ausbildung Zeit lässt, hat am Ende ein Pferd als Partner, das Lektionen voller Stolz und Ausdruck vorführt und diese nicht aus Angst und Überforderung so schnell wie möglich hinter sich bringen möchte.

3. Gymnastizierung

Egal, ob du Freizeit-, Spring- oder Westernreiter bist, du bist und bleibst Reiter und deshalb musst du dein Pferd Dressurreiten, musst es gymnastizieren. Oder anders ausgedrückt: Ein Freizeit-, Spring- oder Westernpferd muss genauso Dressur geritten werden, wie ein Dressurpferd.

Die Dressur hat leider einen schlechten Ruf – insbesondere unter Freizeitreitern – dabei dient sie der Gymnastizierung des Pferdes. Sie trainiert das Pferd und sorgt dafür, dass es die richtigen Muskeln ausbildet, um den Reiter ohne Schmerzen und Folgeschäden tragen zu können.

Mein Lieblingszitat, das genau diese Philosophie widerspiegelt, kommt von Bent Branderup:

„Die Dressur ist für das Pferd da, nicht das Pferd für die Dressur.“

Auch wenn du mit dem Dressursport an sich nichts zu tun haben möchtest – was ich heutzutage leider gut nachvollziehen kann –, bist du es deinem Pferd schuldig es Dressur zu reiten und somit zu gymnastizieren.

Ohne Dressurreiten geht es nicht!

Dressurlektionen wurden über Jahrhunderte hinweg von Reitmeistern entwickelt, um das Pferd gesund zu erhalten und artgerecht auszubilden zu können. Hinter jeder Übung steckt ein Ziel, ein Sinn.

Deshalb sollte jeder, wirklich jeder Reiter, Dressurübungen in sein Training einbauen und sein Pferd regelmäßig gymnastizieren. Denn das bedeutet Reiten.

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PS: Damit auch du gleich mit dem Dressurreiten beginnen kannst, habe ich hier ein paar hilfreiche Beiträge für dich:
Tipps und Übungen für den Schritt
Tipps und Übungen zur Trabarbeit
So gymnastizierst du dein Pferd im Galopp
Dressurtraining im Gelände

Und hier noch ein paar Lesetipps zum Thema:
„Richtig Reiten reicht!“ – Ein Plädoyer für eine artgerechte Pferdeausbildung
Was ist eigentlich aus der Dressur geworden? – ein Denkanstoß.
Dressurreiten – Muss das sein oder ist das Tierquälerei?

Titelbild: ©labrador

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