“Richtig Reiten reicht”, sagte Paul Stecken einst. Doch heutzutage scheint diese Prämisse an Bedeutung verloren zu haben. Weniger das Ergebnis – ein unterm Reiter im Takt und losgelassen laufendes Pferd – zählt, als das “Wie”. Reiter beschäftigen sich heutzutage mehr damit, welchem Lager sie angehören: Dressur, Springen, Western oder gar die Alternativen, die ganz auf Sattel und Gebiss verzichten.

Das führt dazu, dass sich im Reitsport immer mehr Extreme bilden: Auf der einen Seite diejenigen, die ihr Pferd mit fragwürdigen, schmerzhaften Methoden ausbilden und nur auf das eigene Vergnügen und den Erfolg aus sind. Auf der anderen Seite solche, die ihr Pferd am liebsten so frei wie möglich ohne jegliches Zubehör reiten und damit – oftmals völlig unwissend und blauäugig – mehr Schaden anrichten als Gutes zu tun.

„Richtig Reiten reicht!“ –
Ein Plädoyer für eine artgerechte Pferdeausbildung

Es wird sich gestritten um den Sinn und Unsinn von so Vielem: sei es der Sperriemen, Pferdedecken, Sporen, Gerten, Heunetze oder die Fütterung von Öl. Als frischgebackener Pferdebesitzer blickt man bei all den Diskussionen und unterschiedlichen Meinungen nicht mehr durch. Soll ich meinem Pferd Heu ad libitum zur Verfügung stellen oder die Portionen besser doch rationieren? Soll ich nach dem Reiten in den kalten Monaten eine Abschwitzdecke auf mein Pferd legen oder ist es ausreichend, es mehrere Runden im Schritt trocken zu reiten? Bin ich nun ein Tierquäler, wenn ich mit Gerte reite? Oder gar ein Weichei, das sich bei seinem eigenen Pferd nicht durchsetzen kann, nur weil ich mit dem Clicker arbeite und mein Pferd gerne und viel lobe?

Es wird gestritten, welche Reitweise die pferdefreundlichste ist, dabei bleibt nüchtern betrachtet leider nur eine Erkenntnis: Schwarze Schafe gibt es überall. Ob nun in der Dressur, im Western oder im Springen. Dass ein Edward Gal einen völlig verspannten und nicht im Takt laufenden Glock’s Zonik vorstellt, ein Andreas Helgstrand sein Pferd so sehr einschnürt, dass sich sogar die Zunge des Pferdes beim Reiten blau färbt und dass der ehemalige Deutsche Meister im Reining Nico Hörmann sein Pferd beim sogenannten Fencing gegen die Bande rennen lässt, ist Quälerei und hat nichts mit artgerechtem und richtigen Reiten zu tun.

Das Bedenkliche ist, dass dies nur die Fälle sind, die sich in der Öffentlichkeit abspielen. Schlimm genug, dass es sich hierbei um vermeintliche Vorbilder und mit diversen Preisen und Medaillen ausgezeichnete Reiter handelt. Dennoch bleibt die Frage: Wenn es auf Turnierplätzen weltweit schon so aussieht, wie werden Pferde erst in privaten Ställen hinter verschlossenen Türen geritten und trainiert? Die Antwort mag man sich gar nicht vor Augen führen.

Dass vermeintliche Vorbilder ausgerechnet ein so schlechtes Vorbild abgeben, führt zu einem weiteren Problem: Immer mehr Reiter wenden sich – verständlicherweise – von Reittraditionen ab und gehen ihren ganz eigenen Weg. Dass nicht jedes Pferd nach Schema F ausgebildet werden kann, sollte dem gesunden Menschenverstand einleuchten. Dass die Befolgung einer groben Richtlinie hingegen sehr wohl Sinn macht und dass diese nicht umsonst über Jahre hinweg entwickelt wurde, scheinen immer mehr Reiter allerdings außer Acht zu lassen.

So sehr diese Philosophie der individuellen Ausbildung, des – wie es so häufig genannt wird – eigenen Weges zu begrüßen ist, so fatal ist sie auch: Pferde werden falsch ausgebildet; es fehlt die so wichtige artgerechte Gymnastizierung des Pferdes, die es dem Tier überhaupt erst erlaubt, seinen Reiter ohne Folgeschäden zu tragen. Denn was viele entweder nicht wissen oder gekonnt ignorieren, ist der Fakt, dass der Körper des Pferdes nicht dafür gebaut wurde uns Menschen zu tragen. Ein Pferd, das nicht richtig trainiert wird und dem die nötigen Muskeln fehlen, bei dem ist jeder Schritt unterm Sattel mit Schmerzen verbunden – sei es just im Moment oder im Laufe seiner Karriere als Reitpferd.

Satt Übungen zu reiten, die ganz im Sinne der Ausbildungsskala den Takt und die Losgelassenheit des Pferdes fördern, für Anlehnung und Schwung sorgen, das Pferd geraderichten und versammeln, wird ohne Sattel übers Feld galoppiert oder lernt das Pferd sich auf Kommando abzulegen. Oder das andere Extrem: Aus der feinen Anlehnung, einer fast unsichtbaren Kommunikation zwischen Reiterhand und Pferdemaul, wird aus der schieren Verzweiflung, dass Pferd müsse den Kopf “runter nehmen”, ein Rumgezerre, ein Kampf, der nicht selten in der Rollkur endet oder eben darin, dass das Pferd seinen Kopf erst recht nach oben reißt. Das Resultat ist immer das Gleiche: ein verspanntes Pferd, das unter Schmerzen geht und dessen Hilferufe nicht gehört oder schlichtweg missachtet werden.

Aber warum? Warum achten wir nicht mehr auf das, was wirklich zählt, nämlich die Gesundheit und das Wohlbefinden unseres Pferdes und eine artgerechte Ausbildung? Warum ist es viel wichtiger, welche Reitweise man ausübt, ob man mit oder ohne Gebiss reitet und was der neueste Trend in der Reitmode ist? Oder ist genau das das Problem, dass wir zu sehr darauf achten, uns verrückt machen, nur noch das Beste fürs Tier wollen und der Meinung sind, artgerecht bedeutet so frei wie möglich, ohne Sattel, ohne Gebiss und ohne Gymnastizierung? Ist das Problem, dass wir zu ehrgeizig sind, zu sehr auf Erfolg bedacht und die Stufen der Ausbildungsskala so schnell wie möglich erreichen wollen? Ist auch im Reitsport der Erfolgsdruck so hoch, dass wir uns über die Bedürfnisse unseres Partners Pferd stellen? Warum lassen wir uns heute keine Zeit mehr? Pferde werden immer jünger eingeritten, absolvieren ihr erstes Turnier ohne physisch noch psychisch darauf vorbereitet zu sein. Schnell ist das Motto, nicht richtig. Und wo ist der Spaß beim Reiten geblieben? Der Spaß für den Menschen, der Spaß fürs Pferd?

Reiten ist das schönste Hobby, das man haben kann, der beste Sport, den man ausüben kann. Es ist ein Geschenk und ein Wunder zugleich, dass uns ein Tier, so kräftig und anmutig wie ein Pferd, auf seinem Rücken duldet, mit uns tanzt, uns fliegen lässt. Wir dürfen diese Besonderheit nicht vergessen, dürfen sie nicht zur Gegebenheit, zum Gewöhnlichen werden lassen. Wir sollten dankbar sein. Und wir sind dem Pferd etwas schuldig: eine artgerechte Ausbildung, geprägt von Geduld und Zuhören, nicht von Druck und Ignoranz.

Der Reitsport braucht Kritik – das ist keine Frage. Jeder Reiter, ob Schüler oder Ausbilder, sollte Trainingsmethoden hinterfragen. Neue Kenntnisse helfen uns, das Pferd und seine Bedürfnisse besser zu verstehen, es artgerechter auszubilden und zu halten. Austausch und Diskussion sind gut und wichtig. Aber es ist nicht gut, nur die eine Sichtweise als Wahrheit anzuerkennen. Statt also zu streiten, welche Reitdisziplin die beste ist oder ob eine pinke Decke nun schöner ist als eine türkise, sollten wir uns wieder auf das Wesentliche konzentrieren: richtig Reiten – dem Pferd zuliebe.

*Hinweis: Der Artikel „Richtig Reiten reicht“ erschien ebenfalls in der April-Ausgabe des Reitsportmagazins Mein Pferd.

Richtig Reiten reicht

Titelbild: www.depositphotos.com – mari_art

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2 Kommentare

  1. Das spricht mir aus der Seele, hatte dazu auch schon mal was geschrieben <3
    Ich verstehe, dass man heute überhaupt nicht mehr weiß, was man wie richtig macht. Da ist gutes Vertrauen in einen selbst und eine genaues Hinhören wichtig. was fühlt sich richtig an?
    Eigentlich nur Horsemanship <3, denn das ist keine Reitweise sondern eine Lebenseinstellung.

    • Liebe Tina,
      wunderschön gesagt! „Richtig Reiten ist keine Reitweise, sondern eine Lebenseinstellung“– so wahr! Pferde reden die ganze Zeit mit uns und wir müssen einfach nur zuhören, mit Herz und Verstand und mit ganz viel Vertrauen. Danke für deinen Kommentar! :*
      Line / Kultreiter

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