Ein wichtiger Teil des Reitens und der Dressurarbeit ist die Aktivierung der Hinterhand des Pferdes. Sie ist der Motor und sorgt für die nötige Schub- und Tragkraft, und nur mit Hilfe einer aktiven Hinterhand kann die Versammlung erreicht werden. Weshalb eine kräftige Hinterhand noch wichtig ist und welche Übungen Du reiten kannst, um die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren, erfährst Du in diesem Beitrag!

Hinterhand Pferd: Mit diesen Übungen kannst Du die Hinterhand Deines Pferdes aktivieren!

Das Geheimnis hinter Schubkraft, Tragkraft, Anlehnung und Versammlung

Warum die Hinterhand des Pferdes so wichtig ist

Schubkraft, Tragkraft und Schwung

Die Hinterhand hat beim Pferd mehr Kraft als die Vorhand und sorgt gleichzeitig für die nötige Schub- und Tragkraft. Die Hinterhand lässt das Pferd also vorwärts gehen und entsprechend Gewicht aufnehmen – beides sehr wichtige Punkte in der Reiterei. Denn nur mit nötiger Tragkraft, kann ein Pferd auch den richtigen Schwung entwickeln. Dabei bedeutet Schwung nicht etwa eine imposante Bewegung des Pferdes, sondern das Schwingen der Wirbelsäule bei einer losgelassenen Muskulatur.

Fehlende Tragkraft

Leider sieht man heutzutage oftmals Pferde, die vor allem vorwärts gehen, dabei aber nicht genug Last mit den Hinterbeinen aufnehmen. Diese Pferde werden zwischen die Schenkel und die Hand des Reiters gepresst, laufen zwar fleißig vorwärts und unter Spannung, aber in keinster Weise losgelassen und schwungvoll. Denn ihnen fehlt die Tragkraft, die gerade für versammeltes Reiten so wichtig ist.

Die Wichtigkeit der richtigen Anlehnung

Jedes richtige Reiten erfordert eine korrekte Anlehnung. Dabei muss der Begriff der Anlehnung ganzheitlich betrachtet werden, und nicht als Phänomen zwischen Pferdemaul und Reiterhand. Eine korrekte Anlehnung bedeutet nämlich, dass das Pferd seine Wirbelsäule aufgrund des Schubes der Hinterhand nach vorne bzw. an das Gebiss heran dehnt. Die Anlehnung ist also eng mit der Schub- und Tragkraft der Hinterhand verknüpft!

Lesetipp: Mehr über die korrekte Anlehnung und wie Du Dein Pferd richtig in Anlehnung reitest, kannst Du hier nachlesen!

Woran Du erkennst, dass Dein Pferd seine Hinterhand aktiv nutzt

Vom Boden aus erkennen

Eine aktive Hinterhand erkennst Du vor allem daran, dass Dein Pferd seine Hinterhufe aktiv abhuft und mit beiden Beinen gleichmäßig unter den Schwerpunkt tritt. Das kannst Du gut am sogenannten Raumgriff erkennen, bei dem die Schritte bzw. die Tritte und Sprünge Deines Pferdes länger werden (Schubkraft). Zudem sollten sich die Hanken Deines Pferdes vermehrt beugen und dadurch senkt sich die Kruppe Deines Pferdes und die Vorhand richtet sich auf (Tragkraft und Versammlung).

Beobachte Dein Pferd einfach mal vom Boden aus, entweder beim Longieren, bei Eurer gemeinsamen Bodenarbeit, oder wenn es von jemand anderem geritten wird.

Achte auf Folgendes:

– Hebt es die Hinterbeine genügend vom Boden ab?
– Fußt es weit nach vorne unter den Schwerpunkt?
– Ist die Bewegung raumgreifend und schwungvoll?
– Ist eine Beugung der Hanken zu erkennen?
– Senkt sich die Kruppe und richtet sich die Vorhand gleichzeitig auf?

Die richtige Bemuskelung

Du kannst Dir nicht nur die Bewegung Deines Pferdes anschauen, sondern auch sein Gesamtbild und seine Bemuskelung. Fällt die Hinterhand Deines Pferdes in sich zusammen, oder sieht sie rund und kräftig aus? Vor allem von hinten kannst Du erkennen, ob die Muskeln Deines Pferdes bereits gut trainiert sind, oder nicht. Insgesamt werden die Konturen Deines Pferdes runder, und Dein Pferd kann optisch sogar größer wirken.

Beim Reiten fühlen

Du kannst die aktive Hinterhand Deines Pferdes auch beim Reiten fühlen: Du hast auf einmal das Gefühl, Du würdest bergauf reiten, und Dein Pferd lässt sich zudem weicher sitzen. Das liegt gleichzeitig daran, dass die Anlehnung besser wird und Dein Pferd anfängt mehr zu schwingen. Alles fühlt sich auf einmal leichter, flüssiger und viel harmonischer an, und Dressurlektionen gelingen perfekt und ganz fein – ein wunderbares Gefühl!

Achte beim Reiten also auf folgende Anzeichen:

– Fühlt es sich an, als würdest Du bergauf reiten?
– Lässt sich Dein Pferd weich(er) sitzen?
– Ist die Anlehnung gleichmäßig und weich?
– Schwingt Dein Pferd mehr in der Bewegung?
– Klappen Lektionen flüssig und leicht?

Punkte, die Du beim Training beachten solltest

Erst Schub-, dann Tragkraft!

Die Aktivierung der Hinterhand Deines Pferdes bedeutet also, die Schub- und Tragkraft Deines Pferdes durch Übungen zu entwickeln. Dabei geht die Schub- immer der Tragkraft voraus, und erst wenn Dein Pferd die nötige Schubkraft entwickelt hat, kannst Du vermehrt an der Tragkraft Deines Pferdes arbeiten. Um Dein Pferd ausgewogen zu trainieren, seine Hinterhand entsprechend zu aktivieren und Versammlung zu erreichen, solltest Du sowohl Reitübungen als auch Longen- und Bodenarbeit ins Training einbeziehen.

Versammelnde Arbeit

Bei der versammelnden Arbeit lernt Dein Pferd sich besser auszubalancieren, und sein Gewicht vermehrt mit der Hinterhand zu tragen. Gerade durch das zusätzliche Gewicht des Reiters ist dies wichtig, um Verschleißerscheinungen vorzubeugen. Dein Pferd lernt also, seinen Schub zu nutzen, um sich selbst besser zu tragen und eine bessere Selbsthaltung zu finden, anstatt vorm Schub der Hinterhand wegzulaufen.

Lesetipp: Mehr über die richtige Versammlung und wie sie aussehen sollte, kannst Du hier lesen!

Zeit und individuelles Training

Jedes Pferd ist, genau wie jeder Reiter, ein Individuum und aufgrund seines Körperbaus unterschiedlich veranlagt. Zwar hat jedes Pferd von Natur aus Schub- und auch Tragkraft, jedoch muss die Tragkraft vermehrt antrainiert werden. Um mehr Tragkraft und eine Versammlung beim Pferd zu erreichen, erfordert es Zeit und das richtige Training. Letztendlich wird bei der Versammlung die Schubkraft in die Tragkraft umgewandelt.

Übungen, mit denen Du die Hinterhand Deines Pferdes aktivierst

Es gibt einige Übungen, die Du reiten kannst, um die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren, und Dein Pferd mit der Zeit dazu zu bringen, dass es vermehrt Last mit der Hinterhand aufnimmt. Hier die besten Übungen in der Übersicht:

Übergänge in allen Gangarten

Übergänge sind wohl die beste Methode, um Dein Pferd dazu zu bekommen, seine Hinterhand vermehrt zu nutzen und zu aktivieren. Denn jeden Übergang kannst Du Dir bei Deinem Pferd wie eine Kniebeuge vorstellen, bei der Dein Pferd für kurze Zeit mehr Last auf der Hinterhand aufnimmt und diese nach vorne und oben abfedert. Je nach Können, kannst Du einfache Übergänge wie Trab-Schritt und Trab-Galopp-Übergänge, aber auch schwerere Übergänge wie Schritt-Galopp und Galopp-Schritt-Übergänge reiten. Auch Übergänge vom Halt in höhere Gangarten sind super, um die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren.

Lesetipp: Mehr Tipps zum richtigen Reiten von Übergängen und wie diese besser gelingen kannst Du hier lesen!

Tempiwechsel in allen Gangarten

Einen ähnlichen Effekt wie Übergänge haben Tempiwechsel in allen Gangarten. Dabei sind solche Wechsel besonders im Schritt schwer korrekt zu reiten, können Dein Pferd aber wunderbar gymnastizieren. Versuche am besten häufiger in allen Gangarten Tempiwechsel zu reiten, und dabei an der langen Seite des Platzes oder der Halle an Tempo zuzulegen, und Dein Pferd an der kurzen Seite wieder einzufangen. Dabei sorgen Paraden am äußeren Zügel dafür, dass Dein Pferd sich verlangsamt und sich in der Hanke vermehrt beugt.

Rückwärtsrichten und vorwärts anreiten

Eine sehr gute Übung ist zudem das Rückwärtsrichten. Beim Rückwärtsrichten werden die Bauch- und Lendenmuskeln Deines Pferdes stark beansprucht, und umso besser Du diese Übung ausführst, umso tiefer senkt sich das Becken Deines Pferdes. Je nach Können, kannst Du Dein Pferd aus dem Rückwärtsrichten nach vorwärts in den Trab oder Galopp anreiten, und sorgst so für noch mehr Hinterhand-Aktivität. Gerade das Anreiten in den versammelten Trab gelingt aus dem Rückwärtsrichten sehr gut!

Richtig Rückwärtsrichten

Viele Reiter machen beim Rückwärtsrichten grobe Fehler, schicken ihr Pferd zu schnell und zu weit nach hinten, oder wirken grob mit ihrer Hand ein. Richte Dein Pferd immer bedacht und korrekt rückwärts, ziehe dabei nicht am Zügel nach hinten, und lasse Dein Pferd auch nicht zu eilig nach hinten treten! Richtig ausgeführt, sollte Dein Pferd beim Rückwärtsrichten seine Hufe ebenfalls diagonal heben.

Lesetipp: Hier gibt es super Tipps und Hilfen für richtiges Rückwärtsrichten!

Seitengänge und Volten

Ebenfalls gut geeignet, um die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren, sind Seitengänge. Besonders das Schulterherein auf dem Zirkel oder das Konterschulterherein lässt Dein Pferd aktiv Last auf der Hinterhand aufnehmen. Auch die Spiralvolte ist eine gute Übung, da hier das innere Hinterbein übertritt. Während Du bei einer Galoppvolte Dein Pferd über Paraden am äußeren Zügel dazu bekommst, die Hanken mehr zu beugen. Diese Übungen sind allerdings schwierig und Du solltest sie nur reiten, wenn Du bereits ein fortgeschrittener Reiter bist.

Springgymnastik und Stangenarbeit

Gerade beim Springen muss Dein Pferd vermehr Last mit der Hinterhand aufnehmen, und Du solltest die Springarbeit selbst als Freizeit- und Dressureiter ab und zu mal in Dein Training aufnehmen. Auch die Stangenarbeit kann dabei helfen, die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren, und für mehr Schub- und Tragkraft zu sorgen. Achte dabei aber immer auf die Höhe der Stangen sowie auf den Abstand zwischen den einzelnen Stangen, um ein Verletzungsrisiko auszuschließen!

Lesetipp: In diesem Beitrag findest Du Tipps zur richtigen Stangenarbeit!

Galopparbeit

Gerade die Galopparbeit kann Dir dabei helfen, die Hinterhand Deines Pferdes zu aktivieren und trainieren. Denn für einen guten Galopp muss Dein Pferd besonders die Schub- und Schnellkraft und somit die Kraft seiner Hinterhand nutzen. Das Tolle an der Galopparbeit ist zudem, dass Du hier eine Vielzahl an Trainingsmöglichkeiten hast und diverse Übungen im Galopp reiten kannst. Dazu zählen Tempowechsel und Seitengänge, aber auch fliegende Wechsel. Eine Übersicht aller Galopp-Übungen samt Tipps zu passenden Hufschlagfiguren sowie praktischen Reittipps für noch feinere Hilfen findest Du in diesem umfangreichen Beitrag über die Galopparbeit!

Lesetipp: Wie Du richtig angaloppierst und im Galopp ruhig sitzen bleibst, und wie Du den Galoppsprung Deines Pferdes allgemein verbesserst, erfährst Du hingegen in diesem Beitrag übers richtige Galoppieren!

Training im Gelände

Auch im Gelände kannst Du die Hinterhand Deines Pferdes mit einfachen Tricks und Übungen aktivieren, und bietest Deinem Pferd so gleichzeitig eine tolle Abwechslung. Am besten hilft viel Bergauf- und Bergabreiten, denn das stärkt die Muskeln der Hinterhand besonders. Seitengänge klappen auf gutem Boden im Gelände übrigens genauso gut wie auf dem Platz oder in der Halle. Und anstatt einen großen Bogen um Äste und Gehölze zu machen, kannst Du Dein Pferd einfach über Äste reiten und diese wie Stangen nutzen – das klappt auch im Trab und im Galopp!

Lesetipp: Mehr Dressurübungen fürs Gelände findest Du in diesem Beitrag!

Boden- und Longenarbeit

Jedes artgerechte Training sollte Abwechslung bieten, und dazu gehört, dass Du Dein Pferd auch öfters vom Boden aus trainierst. Am Boden kannst Du Dein Pferd ebenfalls Rückwärtsrichten, z.B. durch ein mit Stangen geformtes L. Ebenfalls gut sind Hinterhandwendungen, bei denen Dein Pferd mehr Last mit der Hinterhand aufnimmt. Zudem kannst Du Übergänge sowie Seitengänge ebenfalls sehr gut vom Boden aus oder an der Longe üben. Wichtig ist nur, dass Du darauf achtest, dass Dein Pferd diese auch korrekt ausführt – und vergiss nicht, regelmäßig Handwechsel durchzuführen!

Buchtipp: Wenn Du Dich vermehrt für Bodenarbeit interessierst, kann ich Dir das Buch “Praxiskurs Bodenarbeit” von Babette Teschen und Tanja Konnerth empfehlen!

Fazit zum Thema „Hinterhand Pferd“:

Die Hinterhand ist der Motor des Pferdes und sorgt für die nötige Schub- und Tragkraft. Nur mit Hilfe einer kräftigen Hinterhand kann Dein Pferd versammelt und in korrekter Anlehnung laufen. Deshalb ist es beim Reiten auch so wichtig, dass Dein Pferd lernt, Last mit der Hinterhand aufzunehmen, und sich selbst sowie den Reiter so besser zu tragen. Versuche also häufig Übungen ins Training einzubauen, die die Hinterhand Deines Pferdes aktivieren und dabei helfen, Muskeln aufzubauen.

Besonders gut geeignet sind Übergänge in allen Gangarten, Tempiwechsel, das Rückwärtsrichten und anschließende Vorwärtsreiten, Seitengänge, sowie Springgymnastik und Stangenarbeit. Auch im Gelände lässt sich die Hinterhand Deines Pferdes mit Seitengänge oder durch häufiges Bergauf- und Bergabreiten aktivieren. Und zu jedem artgerechten Training gehört auch eine korrekte Boden- und Longenarbeit, bei der Du Dein Pferd ebenfalls dazu bringen kannst, mehr Last mit der Hinterhand aufzunehmen.

Gehören Übungen, die die Hinterhand Deines Pferdes aktivieren, auch zu Deinem regelmäßigen Trainingsprogramm? Welche Übungen kannst Du noch empfehlen, um Die Hinterhand eines Pferdes zu aktivieren? Teile Deine Erfahrung am besten mit anderen Kultreitern in den Kommentaren!

Bild: www.depositphotos.com – labrador

* Bildhinweis: Sporen sollten nur genutzt werden, um noch präzisere Hilfen zu geben und so feiner einwirken zu können. Sporen sollten niemals als scharfes Druckmittel verwendet werden, und gehören nur an erfahrene Reiterbeine!

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10 Kommentare

    • Hallo liebe Uta,

      das Fest- bzw. stundenlange Weiterlesen kenne ich auch…man lernt eben nie aus 😉

      Alles Liebe,

      Line /Kultreiter

  1. Liebe Line, ein super Artikel. Dass die Versammlung das höchste Gut ist, an dem man arbeiten sollte, hat auch Anja Beran nochmal bei mir getriggert. Ich war bei der Morgenarbeit und habe die Leichtigkeit der Pferde gesehen. Mit einer unfassbaren Eleganz und mit Schwung durch die schwersten Lektionen. Die ja alle nicht aus ästhetischen Gründen, sondern für den gesunden Rücken und die Versammlung trainiert wurden und werden. Ganz liebe Grüße, Petra

    • Hallo liebe Petra,

      danke für Dein Lob! :)

      Die Gymnastizierung des Pferdes ist unheimlich wichtig, egal ob man nun Dressur, Western oder Springen reitet. Dressur-Lektionen bzw. gymnastizierende Übungen sollten zu jedem artgerechten Pferdetraining dazu gehören, und das sowohl unterm Sattel als auch bei der Bodenarbeit :)

      Deine Artikelreihe zu Deinem Besuch bei Anja Beran ist übrigens super geworden! :)

      Alles Liebe,

      Line / Kultreiter

  2. Toller Artikel! Bin Westernreiter und viele der o.a. Übungen gehören bei uns zum Training. Ganz besonders gefällt uns Schulterherein und dann in die kleine Volte. Oder kleine Volten reiten und diese Spur dann rückwärts. Diese Übung liebt mein Pferd. Leider sieht man selten, dass jemand sein Pferd richtig gymnastiziert. Danke!

    • Hallo liebe Monica,

      danke für Dein Lob – sowas lese ich natürlich immer gerne! ♥

      Danke auch für Deine Übungstipps! Ich glaube, ich bin noch nie wirklich eine Volte rückwärts geritten, aber man lernt ja nie aus! 😉

      Alles Liebe,

      Line / Kultreiter

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